Jahrestagung Faire Metropole Ruhr

Wird Fairer Handel zum Standortfaktor?

Ein Anfang ist gemacht! „Die Auszeichnung FairTradeTown ist nur der erste Schritt. Die Kommunen müssten sich nachhaltig verantwortlich verhalten“, sagt der bekannte Autor und Journalist Stefan Kreutzberger bei der Jahrestagung der Fairen Metropole Ruhr im Wissenschaftspark Gelsenkirchen. Gemeinsam mit Professor Dr. Rudolf Juchelka, Lehrstuhlinhaber für Wirtschaftsgeographie an der Uni Duisburg Essen, und Thomas Paschek, Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing Waltrop, diskutiert er auf dem Podium unter anderem darüber, welche Zugkraft der Faire Handel innerhalb einer Region entwickeln kann. Hat der Faire Handel wirklich das Potenzial zum weichen Standortfaktor?

Forderung nach europaweitem FairTrade-Standard

70 Gäste hören gebannt zu, als Professor Dr. Juchelka darüber redet, dass Bildungsarbeit in die Köpfe gebracht werden muss, damit sich der Gedanke des fairen Netzwerks weiter ausbreiten kann. Noch, so sagt er, sei der Faire Handel kein wissenschaftlich belegter Standortfaktor, aber zumindest schon Merkmal von Regionen, Imageelement und ein Markenfaktor. Als Beispiel nennt er hier den Stadtteil Prenzlauer Berg in Berlin, dessen das Stadtbild prägende Biomarktkultur Leute anzieht und so zumindest als „weicher“ Standortfaktor bezeichnet werden könnte. „Ich möchte der Fairen Metropole Ruhr anbieten, dieses Thema in einer Masterarbeit gemeinsam mit einer meiner Studentinnen aufzugreifen und zu bearbeiten“, sagt er. Thomas Paschek pflichtet ihm bei und empfindet in Waltrop FairTrade durchaus schon als weichen Standortfaktor. Er berichtet unter anderem von einer jungen Unternehmerin, die ihren Bioladen gezielt in Waltrop eröffnet hat, weil der Standort dort einfach passe. „In Waltrop steckt viel FairTrade“, sagt er. Kreutzberger kritisiert, dass Fairer Handel gerade ein Glaubwürdigkeitsproblem hat und fordert einen europaweiten FairTrade-Standard. Alle sind sich einig, dass das nachhaltige Verhalten nicht auf den Fairen Handel beschränkt werden darf, sondern weit darüber hinausgehen muss.

„Faires Denken in den Köpfen der Menschen verankern“

In anschließenden Workshops zu den Themen „Design Thinking“, „Faires Stadtmarketing“ und „Faire öffentliche Beschaffung“ entwickeln die Teilnehmer*innen gemeinsam Ideen, um den fairen Gedanken weiter zu verbreiten und das Konzept der Fairen Metropole Ruhr weiter umzusetzen. „Wir haben aus gutem Grund das gesamte Ruhrgebiet als unser Symbol gewählt. Wir haben schon viel erreicht, aber es gibt noch viel zu tun, um das faire Denken in den Köpfen der Menschen zu verankern“, so Vera Dwors und Markus Heißler aus dem Vorstand des Netzwerks Faire Metropole Ruhr. In Arbeit ist zum Beispiel schon ein KinoTrailer, der auf die Arbeit der Fairen Metropole Ruhr aufmerksam macht.

„Es ist schön zu sehen, dass wir mit der Veranstaltung so viele Menschen im Netzwerk erreichen konnten und wünsche mir, dass daraus viele Synergien entstehen, auf denen wir weiter aufbauen können. Außerdem freut es mich, das Thema "Fairer Handel" im Rahmen dieser Veranstaltung von neuen Perspektiven aus betrachten zu können. Vor allem, dass die Idee des Fairen Handels als Standortfaktor auf wissenschaftliches Interesse gestoßen ist und an Relevanz gewinnen kann“, sagt Projektleiterin Mariam Stauer, die die Veranstaltung gemeinsam mit Lisa Horstkamp geplant und organisiert hat.

Das Netzwerk Faire Metropole Ruhr hat mit seiner kontinuierlichen Arbeit seit 2008 ein Alleinstellungsmerkmal im Ruhrgebiet geschaffen und wurde 2013 als erste Großregion Deutschlands und erster Städteverband weltweit als „Faire Metropolregion“ ausgezeichnet.

Faire Regionen bündeln Kompetenzen

Der Ruhrpott als Vorbild

„Die Faire Metropole Ruhr ist für mich eine Art Werbeblock für das Ruhrgebiet. Je mehr Menschen wir mit der Idee des Fairen Handels erreichen, umso besser“, sagte Vera Dwors vom Vorstand des Faire Metropole Ruhr e.V. Rund 40 Teilnehmer*innen aus NRW und sieben weiteren Bundesländern folgten der Einladung in die Mülheimer Wolfsburg zur Tagung „Faire (Metropol-) Regionen in Deutschland“.

Auf dem Programm stand nicht nur eine interessante Diskussion über die unterschiedlichen Herausforderungen in den einzelnen Regionen, die Teilnehmenden diskutierten auch angeregt in verschiedenen Arbeitsgruppen. „Globale Nachhaltigkeit kann nicht durch egozentrisches Verhalten einzelner Menschen entstehen, sondern nur durch konstruktive, überregionale Vernetzung“, so Michael Marwede von „Engagement Global mit ihrer Servicestelle Kommunen in der einen Welt“, einem der Kooperationspartner des Events. Er zeigte sich begeistert: „Ich bekomme auf einen Schlag sehr viele Kommunen ins Boot und habe den Eindruck, dass alle hier offen reden und viel voneinander lernen können!“

So berichtete zum Beispiel Gisela Stang, Bürgermeisterin im hessischen Hofheim a.T., über die Initiative „Rhein.Main.Fair.“: „Wir sind beeindruckt vom Ruhrpott, weil hier eine gemeinsame Identifikation mit der Region existiert. Für uns war es anfangs schwierig, alle Akteure unter einen Hut zu bringen, weil diese keine gemeinsame Historie verbindet. Aber diese Veranstaltung macht Mut, und wir sind euphorisch, mit dem Thema Fair Trade nun alle ansprechen zu können und stolz darauf, schon diverse Hürden überwunden zu haben!“ Fleurence Laroppe erzählte über den grenzübergreifenden Verein „QuattroPole“ in Saarbrücken und davon, wie internationale Strukturen genutzt werden können, um den Fairen Handel zu pushen.

Wie funktioniert Fairer Handel in unterschiedlichen Regionen? Welche Strukturen baue ich auf? Welche Zielgruppen kann ich wie erreichen? Wie läuft das Projekt „FaireKITA“? Diese und viele weitere Fragen diskutierten zivilgesellschaftliche Akteure und Mitarbeitende öffentlicher Verwaltungen. Darüber hinaus informierte Kristina Klecko vom zweiten Kooperationspartner, Fairtrade Deutschland, wie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im digitalen Zeitalter zielgerichtet funktionieren kann.

Für Angela Schmitz, Projektreferentin von Faire Metropole Ruhr e.V. und Tagungsleiterin, ist es wichtig, mit einer solchen Veranstaltung Raum zu bieten, über den Tellerrand der eigenen Region hinauszublicken und Synergien zu bündeln: „Regionale Netzwerke bieten noch einmal andere Möglichkeiten, mit kreativem Potenzial verschiedenste Akteure zusammenzubringen, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen und so für den Fairen Handel in einem größeren Raum wirken zu können“.

Das Netzwerk Faire Metropole Ruhr hat mit seiner kontinuierlichen Arbeit seit 2008 ein Alleinstellungsmerkmal im Ruhrgebiet geschaffen und wurde 2013 als erste Großregion Deutschlands und erster Städteverband weltweit als „Faire Metropolregion“ ausgezeichnet. Und was würden sich die Beteiligten für die Zukunft wünschen? Vera Dwors jedenfalls fände es nicht nur großartig, wenn unter den Schildern mit der Aufschrift „Route der Industriekultur“ zukünftig auch „Faire Metropole Ruhr“ stünde, sondern würde gern mit dem Verein Faire Metropole Ruhr aus der „Nacht der Industriekultur“ eine "Faire" ExtraSchicht machen, die die Idee des Fairen Handels noch stärker in den Köpfen der Region verankern könnte.

Der Pott handelt fair!

Das Ruhrgebiet, bekannt als Industrie- und Kulturraum, erhielt 2013 als erste Großregion weltweit den Titel „Faire Metropole“. Die Auszeichnung geht zurück auf das Engagement des Netzwerks Faire Metropole Ruhr. Seit vielen Jahren bündelt das Netzwerk die Aktivitäten von zivilgesellschaftlichen, kirchlichen und kommunalen Akteuren rund um das Eine-Welt-Engagement und den Fairen Handel im Ruhrgebiet.
Heute leben im Pott bereits rund 4,5 Mio. Menschen in einer Fairtrade-Town bzw. einem Fairtrade-Kreis.

Welche Städte dabei sind, sehen Sie hier.

Schirmherr Manni Breuckmann

Der Sportreporter ist Schirmherr des Netzwerkes Faire Metropole Ruhr und  bringt  die Vorreiterrolle auf den Punkt: „Die Metropole Ruhr spielt in der Champions League der fair handelnden Regionen.“
Ziel des Netzwerkes ist es, jede einzelne Kommune des Ruhrgebiets zur Fairtrade Town auszuzeichnen, und somit den Fairen Handel bei der breiten Bevölkerung und in der öffentlichen Beschaffung voranzutreiben. „Darüber hinaus engagiert sich das Netzwerk in der Bildungsarbeit und führt das Projekt „FaireKITAs“ durch, an dem sich bereits rund 100 Kindertageseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen beteiligen und sich mit globalen Themen und dem Fairen Handel beschäftigen